Vortrag: Professor Thomas Korff zum Thema Medienkonsum

Gegen „Neutronenbingo“ ist Sport das beste Mittel

Weinheimer Nachrichten | WEINHEIM | 03.12.2016

Weinheim. Am Anfang ist alles wunderbar: Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken. Ein Kind nimmt seine Welt ausgesprochen sinnenfroh wahr und legt bei einem wohl abgestimmten Mix die Struktur seines Gehirns vielfältig und breit an. Doch dann geht plötzlich bei den Heranwachsenden ein Gespenst namens Pubertät um. Nicht genug, dass der junge Körper mit einer anstrengenden Veränderung zurechtkommen muss. Auch das Gehirn macht seltsame Verrenkungen.

"Früher war mehr Lametta." Das war eine augenzwinkernde Anspielung auf Loriot, mit der Professor Dr. Thomas Korff vor gut 100 Besuchern in der Aula des Werner-Heisenberg-Gymnasiums seinen Vortrag über "Das Gehirn im modernen Multimediazeitalter" eröffnete. Neben der anatomischen Beschaffenheit nahm der Physiologe von der Universität Heidelberg vor allem die "Umbauarbeiten" des menschlichen Gehirns während der Pubertät unter die Lupe und zeigte den multimedialen Einfluss während dieser Reifungsphase auf.

Kein Kreuzzug gegen Internet

Selbst Vater zweier pubertierender Kinder, gestaltete der Wissenschaftler von der Uni Heidelberg das komplexe Vortragsthema anschaulich und humorvoll. Dabei verzichtete er auf einen Kreuzzug gegen Internet, Computerspiel und Co.: "Ich bin ja auch Multimedia-Sklave und das Smartphone mein ständiger Begleiter." Grundsätzlich seien Neue Medien nicht böse und aus dem Alltag ohnehin nicht mehr wegzudenken. Angesichts der globalen Vernetzung, in der sich Jugendliche heutzutage befinden, der Reizüberflutung in den Social-Media-Kanälen, wo jeder "Freund" sein will und alle einem realitätsfernen Idealbild ausgesetzt sind, kam das Aber mit Nachdruck: "Die Menge macht das Gift", so Korff.

Übermäßiger Medienkonsum verringert die Lernleistung von Heranwachsenden. Sogar neuronale Fehlentwicklungen seien unter Umständen möglich, sodass Zusammenhänge nicht mehr richtig hergestellt werden können. Das Aneignen, Abspeichern sowie erfolgreiche Anwenden im Gehirn wird gestört. "Neuronenbingo" nennt das der Experte. Das "pubertierende" Gehirn ist bereits genug mit der Umbauleistung beschäftigt. Laut Korff könnten gerade einmal fünf bis fünfzehn Prozent der Lerninhalte im Langzeitgedächtnis gespeichert werden.

Obendrein reduziert sich die Ausschüttung von Dopamin, einem Neurotransmitter, der zuständig ist für Glücksgefühle, Motivation und Konzentration. Kein Bock und Antriebslosigkeit sind die Konsequenz. Und das Belohnungssystem im Kopf macht sich auf die Suche nach schnell zugänglichem "Ersatz". Darum sind Heranwachsende besonders empfänglich für Reize, die unter Umständen auch zu einer Sucht werden können. Gerade Drogen laden jetzt dazu ein, das Belohnungssystem anzusprechen.

Ähnlich sieht es bei Computerspielen aus, wo der nächste "Highscore" greifbar nah erscheint. Das Gehirn kann dabei unter Stress geraten. Insbesondere bei nicht altersentsprechenden Ego-Shootern kann der Jugendliche kurzzeitig auch aggressiv reagieren. Pauschal verurteilen mochte der Professor das Genre allerdings nicht: "Killerspiele machen nicht kriminell."

Thomas Korff hatte abschließend fünf Tipps: mindestens eine halbe Stunde täglich Sport treiben, ausreichend schlafen, etwa acht bis zehn Stunden, keine Handyspiele in der Schule, eine halbe Stunde vor und nach dem Lernen weder PC-Spiele noch Fernsehen und beim Lernen zuhause ebenfalls Online-Abstinenz. Was macht der Forscher, wenn sein Smartphone plötzlich pingt? "Ich gehe einfach nicht dran."