Zukunft und Erinnerung vereint

Weinheimer Nachrichten (online am 08.01.2016)

Zukunft und Erinnerung vereint

Eine normale Reise war das nicht, ein normaler Schüleraustausch erst recht nicht: Der Ausflug der Jugendlichen aus Weinheim und Ramat Gan in die gemeinsame, dramatische Geschichte Deutschlands und Israels hinterlässt bei allen Beteiligten Spuren.

Der Hintergrund: Seit 30 Jahren gibt es eine schulübergreifende Begegnung unter dem Dach des Weinheimer Stadtjugendrings von Schülern aus Weinheim und der israelischen Stadt Ramat Gan - in dieser Regelmäßigkeit ist das bundesweit einmalig. Die Schüler, die sich jetzt im Studio des Werner-Heisenberg-Gymnasiums trafen, um ihre jüngste Israel-Reise, die im November stattfand, Revue passieren zu lassen, waren sich dieser Besonderheit durchaus bewusst. „Die Beziehung zwischen Deutschland und Israel ist einmalig“, so hatte Jonas Michael, einer der Weinheimer Schüler, in einer Begrüßungsrede vor Ort erklärt. Allerdings habe sich die Staatenbeziehung im Vergleich zu 1965, als die diplomatischen Beziehungen aufgenommen wurden, stark verändert. Die Generation der heutigen Schüler trage und gestalte diese Veränderung. Das bedeute spürbare Verantwortung, berichten die Schüler im Rahmen des Treffens im Heisenberg-Gymnasium, an dem unter anderem Wolfgang Metzeltin, Vorsitzender des Stadtjugendrings, und Albrecht Lohrbächer, Vorsitzender des Freundeskreises Weinheim Ramat Gan, teilnehmen. Beide gehörten schon vor 30 Jahren zu den Initiatoren des Austauschs.

Gemeinsame Geschichte

Ihr Ziel sei es, ein „Band“ aus Zukunft und Erinnerung zu knüpfen, so schildern die Schüler ihre Empfindungen hinsichtlich des Austausches. Ein Vorhaben, in dem sie von ihren Lehrern rund um Peter Esser und Joachim Gund unterstützt werden. Im Unterricht werden die Schüler auf die gemeinsame Geschichte mit Nationalsozialismus, Judenverfolgung und Holocaust vorbereitet. In den Familien Israels sind die Ereignisse von vor 70 Jahren nachvollziehbarer Weise unvergessen. „Es ist ein Thema, aber man sieht in uns keine Schuldigen, sondern Gestalter einer neuen Zeit“, berichtet ein Schüler. Man setze Hoffnungen in die deutschen Jugendlichen. Das sei ein gutes Gefühl gewesen. Jonas, der als Austauschschüler auch in anderen Ländern war, betont: „Das war alles viel intensiver, weil wir viel mehr Zeit mit unseren Gastgeberschülern verbracht haben.“ Gäste und Gastgeber seien fast ständig zusammen, die Tage sind mit Programm dicht gedrängt. Noch mehr als bei anderen Austauschen komme es darauf an, gemeinsam Geschichte zu erleben.

Auch beim jüngsten Austausch entstanden wieder Freundschaften, die - dem digitalen Zeitalter sei Dank - über E-Mail oder Skype aufrecht erhalten bleiben. Wie Lohrbächer zu berichten weiß, sei es aber schon immer so gewesen, dass bei den Austauschen mit Ramat Gan Bleibendes entstanden ist. Unter anderem seien auch schon Ehen geschlossen worden. Der Partnerschaftsbegründer erinnert bei dem Treffen daran, dass der Freundeskreis solche Aufenthalte junger Menschen speziell fördere. Und Metzeltin ergänzt: „Wir wollen uns auch nochmal bei den Eltern bedanken, dass sie uns ihre Kinder anvertraut haben“. Natürlich vergewissere man sich vor jeder Israel-Reise über die Sicherheitslage im Land, aber dennoch: Ein banales Reiseziel sei Ramat Gan nie. Bei einigen Ausflügen und Besichtigungen sei die Gruppe von Sicherheitspersonal begleitet worden. Aber, so eine Schülerin: „Uns ist es nicht aufgefallen, dass Israel ein Krisengebiet ist.“ Die hohe Präsenz an Polizei und Militär falle zwar auf, aber ebenso auch die Lässigkeit, mit der die Israelis damit umgehen.

„Ich hatte zu keiner Zeit ein mulmiges Gefühl“, erinnert sich eine andere Schülerin. Beeindruckend seien die Energie und die Dynamik der israelischen Freunde. Oder, wie es einer der Schüler ausdrückt: „Die haben immer auf alles Bock.“Alles sei immer bestens durchorganisiert und nichts werde dem Zufall überlassen. Bleibt zuletzt die Frage, ob die Schüler die Reise noch einmal unternehmen würden? „Ja, sofort“, kommt es von allen Seiten. Der Austausch sei ein Erlebnis, das in Erinnerung bleibt und für den weiteren Lebensweg prägt.