Auf der Bühne spielen statt Biologie referieren

Am Werner-Heisenberg-Gymnasium haben Sebastian Wagner und Lea Schuler im Kurs „Literatur und Theater" Abitur gemacht

Weinheimer Nachrichten vom 5. Oktober 2015

Lea Schuler (18) und Sebastian Wagner (18) sind Pioniere am Werner-Heisenberg-Gymnasium (WHG). Seit das Land Baden-Württemberg vor rund zwei Jahren den Kurs „Literatur und Theater" als Abiturfach einführte, sind die beiden frisch gebackenen Absolventen die ersten am WHG, die das neue Angebot beim Abitur wahrgenommen haben. Die Betreuung des Kurses übernimmt Christian Maul, der Leiter der Theater-AG. „Der Kurs ist kein erweiterter Deutschunterricht, son¬dern Theater mit literarischem Hintergrund", sagt er. An dem zwei Jahre laufenden Kurs nahmen 14 Schüler teil ...

Sebastian Wagner Christian Maul Lea Schuler

Dass nur zwei von ihnen den Kurs mit der Abiturprüfung abschließen, liegt daran, dass in vielen Fällen die Wahl der anderen Pr-fungsfächer das nicht ermöglicht. „Im Abitur ist es Vorgabe, neben Theater und Literatur ein sozialwissenschaftliches Fach zu belegen", sagt Sebastian Wagner. „Es geht im Kurs immer um den praktischen Ansatz, es gibt keinen trockenen Unterricht", erklärt er. In kurzen Blöcken werden Theorieeinheiten durchgenommen.
„Man lernt Theater von der Antike bis zur Postmoderne kennen", sagt Lea Schuler. Und weiter: „Es geht um die Geschichte des Theaters und wie die Schauspieler zu unterschiedlichen Zeiten gearbeitet haben." Theoretische Inhalte zu Raumnutzung, Improvisation und Inszenierung werden im Kurs sofort praktisch umgesetzt.

Voller Körpereinsatz auf der Bühne

Voller Körpereinsatz: Auf der Bühne gehen die Schüler, wie hier bei „Gejagt", der Interpretation von Arthur Millers „Hexenjagd", aus sich heraus.

Vorher ausprobiert
„Was ich mit den Schülern mache, habe ich vorher ausprobiert", sagt Maul. Zur theaterpädagogischen Ausbildung war er an der Landesakademie für Schulkunst, Schul- und Amateurtheater auf Schloss Rotenfels. „Für die pädagogische A¬leitung der Schüler ist das sehr wichtig", sagt der Lehrer. In der Ausbi¬dung hat er sich intensiv mit Raum, Zeit und Körper auseinandergesetzt sowie Theatertheorien von Aristoteles über Konstantin Stanislawski bis Berthold Brecht kennengelernt. Den Kurs „Literatur und Theater" sieht er als Lernprozess: „Der pädagogische Ansatz ist wichtiger als das Stück selbst." In der Theater-AG steht dagegen das Stück im Vordergrund.

Nichts muss peinlich sein
Allerdings entwickeln sich auch in der AG die Teilnehmer persönlich stetig weiter, meint Lea: „Man präsentiert sich immer wieder vor dem Kurs und das in ganz anderer Atmosphäre als sonst. Nichts muss peinlich sein." Unterstützt von der Gruppe bilden sich so wichtige Schlüsselkompetenzen wie Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung heraus. Der Umgang zwischen den Schülern, aber auch der mit dem Lehrer ist ein anderer als in den sonstigen Kursen. Maul bestätigt: „Ich lerne die Schüler ganz anders kennen. Wir begegnen uns auf menschlicher Ebene."
Unweigerlicher Bestandteil des Kurses ist es, sich selbst zu öffnen und mehr von sich zu offenbaren, als in anderen Unterrichtsfächern. Man kann sich nicht verstecken. „In gewisser Weise verlassen wir mit dem Kurs den Schulalltag. Es ist zwar immer noch Schule, aber mit einem anderen Ansatz."

Gruppendynamik
„Die Inszenierung steht gegenüber der Note im Vordergrund", sagt Lea Schuler. „Was man präsentiert ist ein Kunstprodukt", ergänzt Sebastian Wagner. Man spielt eine Rolle, und durch die Dynamik der Gruppe gewinnt sie an Größe. „Man verstellt sich bewusst", sagt Lea. Persönliche Grenzen werden deutlich und schließlich überschritten.
Christian Maul: „Die Schüler reflektieren sich, und das betrifft alle Lebensbereiche." Lea erklärt, dass sie sich in vielen Situationen wie im Film sieht. Und auch Sebastian spricht von seiner Erfahrung, dass er sich durch das Theaterspiel seiner eigenen Wirkung bewusst wird: „Man sieht sich durch die Augen anderer."

Zwei Paar Schuhe
Wirkt sich das auch auf andere Fächer aus?. „Es fällt mir einfacher, jemand anderen auf der Bühne zu spielen, als in Bio ein Referat zu halten", gibt Lea Schuler zu. Und auch für Sebastian Wagner sind das zwei Paar Schuhe. „Ich bin normalerweise ein ruhiger Typ. Wenn ich auf der Bühne Autorität ausstrahle, trainiere ich mir das für die Rolle an." Um dann tiefgründig zu werden: „Shakespeare sagte, die ganze Welt ist eine Bühne, und man spielt immer eine Rolle."