Wenn aus Glaube Hysterie wird

Aufführung des Theaterstücks „Gejagt" am Werner-Heisenberg-Gymnasium - Schüler zeigen schauspielerisches Können

Rhein-Neckar-Zeitung vom 22.05.2015

Sind es tatsächlich Schüler, die da auf der Bühne stehen? Nach der Theatervorstellung „Gejagt" am Mittwochabend im Werner-Heisenberg- Gymnasium war schwer zu glauben, dass es sich hier nicht um Profis handelte.
Die schauspielerische Leistung und Überzeugungskraft der Theater AG lag weit über dem Niveau eines durchschnittlichen Schultheaters. Dabei war das Stück nicht einfach: In „Gejagt" haben die Darsteller Arthur Millers Drama „Hexenjagd" aus dem Jahr 1953 neu interpretiert. „Hexenjagd" war die Antwort auf die Verfolgung angeblicher Kommunisten, die US-Senator Joseph McCarthy veranlasst hatte - auch wenn das Stück sich vordergründig mit dem Hexenwahn der frühen Neuzeit beschäftig. „Miller wäre stolz", so Schulleiter Gerald Kiefer in seiner Schlussrede. Er sei „emotional mitgenommen".

Bewohner von Salem

Die Bewohner von Salem treten zu Beginn als Einheit auf. Dann wächst das Misstrauen, der Wahnsinn gewinnt die Überhand. Jeder beginnt, seine Mitmenschen der Teufelsanbeterei zu beschuldigen. Foto: Dorn

Schreie, Hysterie, Tränen und Wahnvorstellungen
Schreie, Hysterie, Tränen und Wahnvorstellungen - alles war in der Inszenierung dabei, die Schauspieler verursachten mit ihrer Authentizität Gänsehaut. Ihre Mimik und Gestik unterstützten die Texte, und am Ende empfing sie lauter Beifall der Zuschauer.
Die Aula der Schule war schon im Vorfeld ausverkauft. Alle 210 Stühle wurden kurz nach Einlass um 19 Uhr besetzt. Wer keine Karte reserviert hatte, fand keinen Platz mehr und wurde auf die zweite Vorführung am Folgetag verwiesen. Eine halbe Stunde später wurde es dunkel im Saal. Die großen Fenster waren vorher abgedunkelt worden, sodass passend zum Inhalt des Stücks eine düstere Atmosphäre entstand.
Erst war ein geschwenkter Lichtpunkt zu sehen, dann wurden es immer mehr: Die ersten Mimen traten dunkel gekleidet auf die Bühne, Taschenlampen in der Hand, ein Flüstern auf den Lippen. Kurze Zeit später war die Aula erfüllt vom Gewisper der Spielenden. Sie schlichen zwischen den Reihen des Publikums umher, bevor sie alle als eine Einheit auf der Bühne zu sprechen begannen. „Waren Sie letzten Sonntag etwa nicht in der Kirche?", ertönte es aus knapp dreißig Mündern gleichzeitig. „Der Teufel ist überall." Die Anfangsszene bot einen Einblick ins puritanische Salem, Massachusetts, und den Einstieg in die Handlung von „Gejagt".

In Salem leben die Nachfahren der Pilgrim Fathers, englische Puritaner, die 1620 nach Amerika ausgewandert sind. Das Leben sieht man in der Glaubensgemeinschaft nicht als Vergnügen. Spaß-haben ist untersagt, ebenso die Lektüre von Romanen. Diese Form von religiösem Fanatismus löst einen Massenwahn aus: Pastor Parris (Arif Temür) erwischt seine Tochter Betty (Linda Skiera), seine Nichte Abigail (Miriam Flüchter) und ein paar andere Mädchen dabei, wie sie mit Tituba (Svenja Haag) in einer Vollmondnacht seltsame Tänze vollführen. Tituba ist von Indianern gefangen genommen worden, den Puritanern ist es gerade erst gelungen, sie zu befreien.
Danach fällt Betty in eine Ohnmacht, aus der sie nicht zu erwachen scheint, obwohl ihr medizinisch nichts fehlt. Das Misstrauen der Salemer wächst, Spekulation gehen um, laut denen hier „Übernatürliches" im Spiel sei. Aus Angst vor Bestrafung beginnen die Mädchen, Menschen aus dem Dorf zu beschuldigen, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Die Angeklagten werden erhängt - sofern sie ihr angeblich teuflisches Tun nicht gestehen.
Die Verfolgungen geraten zu einer Dynamik, die sich verselbstständigt: Unschuldige werden ermordet, nachdem korrupte Richter sie verurteilt haben. Das gesamte Dorf ist panisch, verfällt dem Wahn. Als Rechtfertigung des grausamen Tuns dient immer wieder der Glaube. In einer Anwesenheitsliste der Kirche wird akribisch überprüft, wer sonntags da ist und wer nicht. Wenn jemandem die zehn Gebote nicht geläufig sind, erwartet ihn das Todesurteil.
Die Schüler verkörperten alle Charaktere auf glaubwürdige Weise. Hervorgehoben haben sich vor allem Alexander Keller in der Rolle von John Proctor und Miriam Flüchter als Abigail. Angespannte Finger, ein gehetzter Blick, starke Stimmen und überzeugende Wutanfälle gaben sie zum Besten. Insgesamt standen 27 Nachwuchsschauspieler auf der Bühne. Und noch einmal so viele Schüler waren hinter den Kulissen tätig. Technik-AG, Video-AG, Maske, Kostüm und Werbung: Alles war der Arbeit von Schülern zu verdanken. Technische Hilfen leisteten die Lehrer Simon Maier und Günter Ochs.
Intendant und Regisseur Christian Maul stand am Ende mit seiner Unterstützerin Rieke Eichner auf der Bühne, sichtlich zufrieden mit der Leistung seiner „Crew". Der Englisch- und Deutschlehrer leitet die AG seit drei Jahren.
Wie viel Arbeit dahinter steckte, verdeutlichte Schulleiter Kiefer zum Schluss. In den letzten sechs Tagen habe man „non-stop" geprobt und Klassenarbeiten wurden dabei „mal schnell zwischendurch" geschrieben. Er beendete seine Rede mit dem Dank an Christian Maul. Er habe dem Theater am WHG in den vergangenen Jahren wieder Leben eingehaucht