Im Dialog mit dem eigenen Ich

21 Abiturienten des Werner-Heisenberg-Gymnasiums zeigen ihre Arbeiten zum Thema „Selbstdarstellung und Verwandlung" im Stadtmuseum

Weinheimer Nachrichten vom 07.05.2015

WEINHEIM. Das Grübchen an ihrem Kinn ist unübersehbar - und viele Menschen verbinden es ausschließlich mit Schönheit. Doch in Michelle Müllers Zeichnung markiert eben jene kleine Kuhle den Übergang von jugendlicher Schönheit eines Mädchengesichts zum kahlen Toten-schädel. „So sehe ich jetzt aus und so wird es irgendwann einmal sein", sagt die Abiturientin über die beiden Seiten ihres Porträts.
Wer bin ich?
Die 18-Jährige und 20 weitere Schüler aus dem Kunst-Neigungskurs am Werner-Heisenberg-Gymnasium, stellen ihre Werke derzeit im Museum der Stadt aus. „Selbstdarstellung und Verwandlung" lautet der Titel, um den die ungezählten Arbeiten kreisen, die noch bis 7. Juni im Obergeschoss des Museums zu sehen sind. Gezeigt werden Werke der Abiturienten aus den Bereichen Grafik, Fotografie und Plastik. Zentral ist die Frage: „Wer bin ich eigentlich?"
Die Schau ist wirklich sehenswert - auch, wenn man als Betrachter seinem ersten Blick keinesfalls trauen sollte. So zum Beispiel bei den acht Fotografien von Berit Frede. Die Bilder der 18-Jährigen wirken wie gewöhnliche Schnappschüsse eines Teenagers. Erst bei näherem Hinsehen erkennt der Betrachter, dass nichts so ist, wie es scheint. Statt einer Zahnbürste hat die Schülerin auf einem Foto ein Messer im Mund und was sie da in einem gemütlichen Sessel liest, ist keine Zeitung, sondern ein Laptop, den sie absurderweise hochkant hält.
Irritation auslösen
Hinter den Frede ging es in ihrer Fotoserie um „Witz und Irritation", sagt sie. „Es war nicht einfach den richtigen Bildausschnitt und den idealen Abstand zum Motiv zu finden, damit das Absurde nicht sofort auffällt aber gleichzeitig auch nicht so klein ist, dass man es am Ende gar nicht mehr bemerkt", sagt sie.

Im Dialog mit dem eigenen Ich

Michelle Müller vor ihrem „Doppelporträt". Ihr natürliches Gesicht sei weit schwieriger zu zeichnen gewesen als der Totenschädel, sagt die Abiturientin. Die Zeichnung entstand im Rahmen des Neigungskurses Kunst am Wemer-Heisenberg-Gymnasium. Alle Werke der Abiturienten sind bis 7. Juni im Stadtmuseum Weinheim zu sehen

Witzig sind auch ein gutes Dutzend Zeichnungen aus dem Themenbereich „Metamorphose". „Zwei Tierkörper in einem. Eine Verwandlung, die schon stattgefunden hat" - so lautete die Aufgaben-stellung, zu der die Schüler mit feinen Strichen Koarosch, eine Kreuzung aus Koala und Frosch, und Titich, einen Tiger-Sittich, kreiert haben, der seine Augen genauso genießerisch schließt, wie Wellensittiche es öfter tun.
In einem weiteren Ausstellungsraum geht es um Verkleidungen. Sie Schüler sollen in den Körper einer bekannten Figur schlüpfen, ihre eigenen Körper als Collageelement einbaue. Die österreichische Kaiserin Sisi ist dort in einem aufwendigen Gewand zu sehen, ebenso wie Kleopatra und eine Geisha. Alle Kostüme sind mit Bleistift, Buntstift oder Kreide naturgetreu wieder gegeben. Die Geisha mit dem leuchtend blauen Kimono und dem weißen ausdrucksstarken Gesicht sticht sofort ins Auge. Isabel Kriener (18) hat sie gemalt. „Es war nicht einfach das Gewand den Proportionen unserer Körper anzupassen", sagt sie.

Diese Schüler stellen ihre Werke im Museum der Stadt Weinheim aus: Jennifer Baier, Gesa Beck, Pia Boggasch, David Brandt, Isabel Brantsch, Berit Frede, Juliane Holzmann, Mona Körber, Theresa Kraft, Isabel Kriener, Hannah Kürschner, Rebecca Larsen, Akiko Makabe, Ann-Kathrin Mehne, Michelle Müller, Verena Müller, Alina Olenberger, Anna Paasche, Karen Schmitt, Mara Schumacher, Miriam Vespa.

Im Dialog mit dem eigenen Ich (II)

Isabel Kriener hat sich mit dem Themenfeld „Verkleidung" auseinandergesetzt, ihr Bild heißt „Geisha".
Fotografie ist ein wichtiges Element ihrer Arbeiten, deshalb wollten auch alle Künstler mit Lehrerin Rosi Reusch (hinten, Mitte) gemeinsam auf ein Bild.

Kunstlehrerin Rosemarie Reusch jedenfalls war der Stolz auf ihre Schüler bei der Ausstellungseröffnung am Dienstagabend anzusehen. Sie sei vor allem von den Fotoarbeiten überrascht gewesen. „Mir stellte sich natürlich zu Anfang die Frage: Geben die Schüler einen Einblick in ihre Gedankenwelt? Wer hat Ideen zu philosophischen Fragen?" Die von Cindy Sherman inspirierten Film-Stills - also Foto-Auftiahmen von Film- oder Seriensets - und historische Porträts sind ein weiteres Themengebiet. Auffällig: Die Schüler spielen künstlerisch auch mit dem Trend zu Smartphone-Selbstporträts, kurz Selfies.

Ausstellung bis 7. Juni im Musem der Stadt Weinheim, Amtsgasse 2,
geöffnet Dienstag bis Donnerstag von 14 bis 17 Uhr, Samstag von 14 bis 17 Uhr und am Sonntag von 10 bis 17 Uhr.