Ein Schlaraffenland für junge Tüftler

Weinheimer Nachrichten vom 13.02.2012

Weinheim. Mika durchläuft das WHG. Er muss sich mächtig konzentrieren, um nicht anzuecken. Für eine bessere Perspektive drückt er ein Auge zu, legt den Kopf schräg. Die Schwünge des "W" hat er schon gemeistert, das "H" mit ruhiger Hand hinter sich gebracht. Jetzt bloß nicht nachlassen! Beim "G" jedoch schrillt die silberne Glocke. Alarm!

"Der Stromkreis wurde geschlossen", weiß der clevere Viertklässler mit den blonden Wuschelhaaren, der sich beim Tag der offenen Tür im Physikbereich des Werner-Heisenberg-Gymnasiums (WHG) gerade an einem Modell versucht. Dass die Drähte feinsinnig die Buchstaben der Schule beschreiben, interessiert ihn nicht die Bohne.
Dafür umso mehr all die Flüssigkeiten in den gläsernen Gefäßen, all die Versuche, die die Welt erklären. So wie bei der kleinen Brausetablette, die Elena in Wasser auflöst. Die Zehntklässlerin stülpt einen Luftballon über den Rand eines Erlenmeyerkolbens, der sich sofort mit Gas füllt und aufbläht. "Hier wollen wir zeigen", erklärt sie "wie schnell sich Kohlendioxid ausbreitet." Am Tisch nebenan dreht sich ein kleiner selbstgebauter Roboter in Kreis - angetrieben von einem Motor, der sich aus Solarenergie speist. Das Projekt "Klimaschutz" steht auf dem Stundenplan. Das Heisenberg-Gymnasium ist gut aufgestellt im naturwissenschaftlichen Bereich. Nach der Einführung des Faches Naturwissenschaft und Technik, kurz NWT, konnte vor gut einem Jahr ein neues Hightech-Klassenzimmer eingeweiht werden - eine Art Schlaraffenland für junge Tüftler und Erfinder. Das Fach selbst verbindet Lehrstoff aus den drei klassischen naturwissenschaftlichen Fächern Physik, Biologie und Chemie unter einem besonders projekt- und praxisbezogenen Ansatz. Hier werden auch Projekte entwickelt, die an anderen Schulen in ganz Deutschland Nachahmer finden. Stolz ist Schulleiter Gerald Kiefer auf die "Mitmach-Experimente", die in Zusammenarbeit mit der Freudenberg-Stiftung möglich wurden. Schüler besuchen dabei die Vorschulkinder der Kindertagesstätte Pusteblume, um gemeinsam zu experimentieren. Am Experimentieren hat auch die neunjährige Lucy Spaß. Sie betrachtet den bläulich schimmernden Edelstein zwischen ihren Fingern. Doch nur kurz, dann verschwindet er in ihrem Mund. "Lecker", freut sich das Mädchen, das auf ihrer Erkundungstour durch die Schule im Gummibärchen-Labor hängen geblieben ist. Die Klasse 10c mischt hier unter den großen Augen der kleinen Gäste Gelatine, Zucker, Zitrone und Wasser zu einer glitschigen Masse. Mit Farbstoff und Sirup als Geschmacksträger bekommen die Fruchtgummis ihre individuelle Note. Der Ansturm ist enorm.
So wie in fast allen Räumen des ehrwürdigen Gebäudes. 1050 Schüler, 90 Lehrer - alle scheinen auf den Beinen zu sein, um für die eigene Schule zu werben. Japanisches Su- shi, amerikanische Muffins, bayerische Brezeln, französische Baguettes und türkisches Börek lassen auch kulinarisch erahnen, wie vielfältig die Schule ist. Ein Zwischenstopp in den Cafés lohnt nicht zuletzt, um den Plan zu studieren, der die Termine der Vorführungen aufzählt. Also nicht den Rap der Fünftklässler im Französisch-Zug verpassen, oder das Theaterstück "Die Queen ist not amused", bei dem die Schüler der 8b auf Englisch schauspielern. Sogar die tot geglaubte Sprache Latein läuft zur Höchstform auf: Die Moderne zieht im Theaterstück der 6b mit Werbespots und Fernsehkanälen in die Antike ein. Und der Sender Bibel-TV des WHG zeigt Psalme, von den Kindern ges- tisch ausgedrückt. Doch daran kann Celina jetzt keinen Gedanken verschwenden. Sie muss sich konzentrieren, die Balance bewahren, dort oben fünf Meter über dem Boden. Man mag kaum hinschauen, wie die Zehnjährige Cola-Kiste um Cola-Kiste aufeinanderstapelt. Gesichert mit einem Klettergurt geht es für sie immer höher hinaus. 15 schafft sie, dann springt sie - und wird aufgefangen.