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Constanze Wollenweber gewinnt Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Rhein-Neckar-Zeitung vom 18.11.2011

Constanze Wollenweber

Die Recherche im Weinheimer Stadtarchiv hat sich für Constanze Wollenweber gelohnt. Ihre Arbeit 'Haben Sie abgetrieben?' brachte die Schülerin auf den ersten Platz des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Foto: Dorn

Von Rosemarie Grosch

Weinheim/Berlin. Im Frühsommer hat Constanze Wollenweber, Schülerin am Weinheimer Werner-Heisenberg-Gymnasium, für ihre Recherchen im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten "Ärgernis, Aufsehen, Empörung: Skandale in der Geschichte" bereits den Landespreis in die Zweiburgenstadt geholt. Am Freitag Vormittag wird die 18-jährige Gymnasiastin auf Schloss Bellevue in Berlin für ihre 50-seitige Arbeit "Haben Sie abgetrieben? Das große Weinheimer Frauenverhör" von Bundespräsident Christian Wulff nun auch als Erstpreisträgerin auf Bundesebene des von der Hamburger Körber-Stiftung ausgerichteten Wettbewerbs ausgezeichnet. Der erste Preis ist mit 2000 Euro dotiert. Bundesweit nahmen mehr als 3600 Jugendliche mit 1152 Beiträgen an dem Wettbewerb teil.

Als Constanze Wollenweber mit ihren Recherchen zum Weinheimer Frauenverhör von 1951 begann, empfand sie große Betroffenheit über diese umstrittene Polizeiaktion vor 60 Jahren: "Als Frau habe ich mich persönlich angegriffen gefühlt." Was war in Weinheim geschehen? In der Großen Kreisstadt waren damals rund 200 Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten hatten, von der Polizei vorgeladen und teilweise "direkt von ihrem Arbeitsplatz in Fabriken und Geschäften oder in Pantoffeln vom häuslichen Herd, vom Waschtrog und vom Krankenbett des Kindes" abgeholt und hochnotpeinlichen Verhören unterzogen worden.

Die Staatsanwaltschaft witterte illegale Lohnabtreibungen. In der Bevölkerung und der zeitgenössischen Presse wurde die Polizeiaktion harsch kritisiert. Die Meldepflicht bei Fehlgeburten wurde nur wenige Monate später rechtlich aufgehoben.

60 Jahre nach dem Skandal war Wollenweber zunächst fast erschlagen von der Menge des überlieferten Materials. Mit Hilfe des Weinheimer Stadtarchivs ordnete, analysierte und bewertete sie die unzähligen Protokolle, Stellungnahmen und Beschwerden der damaligen Zeit. Neben ihrer wissenschaftlichen Studie verfasste sie zudem einen historischen Kurzroman aus Sicht einer betroffenen Ich-Erzählerin.

Schreiben ist die Leidenschaft der Schülerin und war dennoch die größere Herausforderung für sie: "Ich wollte die Stimmungen und die Sprache der 1950er Jahre möglichst realistisch wiedergeben." Immer wieder glich Constanze Wollenweber die eigene Darstellung mit den Archivalien und den Erinnerungen von Zeitzeugen ab. Aus Sicht der Bundesjury gelang ihr dabei eine Arbeit, die sich "durch ein hohes Maß an Reflexion und eine herausragende sprachliche Leistung auszeichnet".