Siegerehrung im Schloss Bellevue

Constanze Wollenweber gewinnt Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Weinheimer Nachrichten vom 18.11.2011

"Haben Sie abgetrieben?" Über 200 Frauen stellte die Polizei diese Frage. 60 Jahre ist das nun her. Die Frauen hatten kurz - zum Teil nur Stunden - zuvor Fehlgeburten erlitten. Es war ein Skandal, der Weinheim bundesweit in die Schlagzeilen brachte.

Constanze Wollenweber

Mit einem Skandal zum Sieg: Die Weinheimer Schülerin Constanze Wollenweber recherchierte über das Thema ",Haben Sie abgetrieben?‘ Das große Weinheimer Frauenverhör" und gewann mit ihrem 50-seitigen Werk nun auf Bundesebene beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Heute ist die Preisverleihung in Berlin. Bild: Ausserhofer

Die Weinheimer Schülerin Constanze Wollenweber beschäftigt sich intensiv mit diesem Massenverhör, verfasste ein 50-seitiges Werk mit ihren Recherche-Ergebnissen und eigenen Gedanken zum Thema und nahm damit am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teil. Anfang August errang sie den Landessieg - jetzt belegte sie auch noch den ersten Platz auf Bundesebene. Am Freitag fand die Preisverleihung im Schloss Bellevue in Berlin statt. Dort wird die Schülerin des Werner-Heisenberg-Gymnasiums von Bundespräsident Christian Wulff ausgezeichnet. Ausrichter des Wettbewerbs ist die Hamburger Körber-Stiftung. Der Erste Preis ist mit 2.000 Euro dotiert.

Der Paragraph 218

"Die Recherche hat unheimlich viel Zeit in Anspruch genommen", sagte Constanze Wollenweber im Gespräch mit unserer Zeitung, als sie den Landessieg geholt hatte. Vor 60 Jahren, als die sogenannten "Frauenverhöre" in Weinheim geschahen, waren Ärzte gesetzlich verpflichtet, eine Fehlgeburt an das Gesundheitsamt zu melden. Die Staatsanwaltschaft stellte daraufhin die Frauen unter den Verdacht abgetrieben zu haben. Das war damals illegal, Lohnabtreiberei, Paragraph 218 des Reichsstrafgesetzbuches.

Wollenweber hat die Akten der Stadtverwaltung aus der entsprechenden Zeit gewälzt und sich durch unzählige Zeitungsartikel gelesen. Unterstützung erhielt sie bei ihrer Suche von Weinheims Stadtarchivarin Andrea Rößler.

Doch nicht nur alle Artikel, Akten und Ordner wurden gewälzt - selbst ihre Großeltern halfen Constanze Wollenweber bei ihrer Arbeit. Sie waren zwar nicht selbst betroffen, konnten der Schülerin aber helfen, ein genaues Bild von der damaligen Zeit, den frühen 50ern zu bekommen.

Bundesweit nahmen laut einer Pressemitteilung über 3600 Kinder und Jugendliche mit 1152 Beiträgen am Geschichtswettbewerb teil. Thematische Spitzenreiter waren Umwelt-, Bau- und Medizinskandale sowie der Umgang mit nationalsozialistischen Verbrechen nach 1945. In ihren Arbeiten sprechen sich die Teilnehmer dafür aus, öffentliche Debatten über Skandale weniger emotional zu führen. »Die Jugendlichen zeigen, dass es sich lohnt, hinter die schillernde Oberfläche von Skandalen zu schauen«, so Sven Tetzlaff, Bereichsleiter Bildung der Körber-Stiftung. "Anstelle vorschneller Urteile wünschen sie sich mehr Gelassenheit und kritische Abwägung", wird er in der Mitteilung zitiert.