Doppelstunden bringen Ruhe in die Klassen

Im Gespräch: Gerald Kiefer über Lehren aus G8, den Doppeljahrgang in der Kursstufe 1 und das Doppelstundenmodell

Weinheimer Nachrichten vom 30.04.2010

Autor: Jürgen Drawitsch

OStD Gerald Kiefer (Bild: WN-Archiv)

Vor neuen Herausforderungen: Gerald Kiefer, Leiter des Werner-Heisenberg-Gymnasiums, erwartet durch G8 kommendes Schuljahr 220 Schüler in der Oberstufe; doppelt so viele wie sonst.

WEINHEIM. Schüler, die das Abitur in acht und in neun Schuljahren anpeilen, werden am Werner-Heisenberg-Gymnasium im Sommer zusammen in die Kursstufe 1 versetzt. Was der Doppeljahrgang an organisatorischen Aufgaben nach sich zieht und welche Schlüsse aus den Erfahrungen mit „G8" gezogen wurden, erläutert der Schulleiter, Oberstudiendirektor Gerald Kiefer, im nachfolgenden Gespräch:

Es wird ab dem Schuljahr 2010/ 11 eng am Heisenberg-Gymnasium. Müssen die Schüler künftig von Raum zu Raum wandern?
Gerald Kiefer: Ohne den Neubau mit drei Klassenzimmern hätten wir den Schülerzuwachs insgesamt nicht verkraftet. So aber hat im nächsten Schuljahr jede Klasse ein Klassenzimmer. Aber es sind durch die Verdopplung der Schülerzahl in der Kursstufe 1 noch ganz andere Fragen zu lösen.

Ist die Qualifikation unterschiedlich?
Kiefer: Die G8er und G9er sind nach unterschiedlichen Lehrplänen bis zur Klasse 10 unterrichtet worden. Deshalb müssen die Lehrinhalte natürlich abgestimmt werden.

Klingt kompliziert.
Kiefer: Es ist auch nicht einfach, aber ich bin überzeugt, dass die Schüler voneinander profitieren können.

Wo liegen die entscheidenden Unterschiede?
Kiefer: In G8 werden vor allem methodische, soziale und personale Kompetenzen entwickelt. Das geschieht zum Beispiel durch ein stärkeres Gewicht auf Präsentationen des Lehrstoffs. Bei G9 standen die Lehrinhalte stärker im Vordergrund.

Gibt es auch Vorteile?
Kiefer: Durchaus. Die Palette der Kursangebote wird breiter werden. Zum Beispiel planen wir erstmals einen Kurs in Wirtschaft. Wenn man bedenkt, dass wir allerdings zehn Mathematik- und zehn Deutschkurse statt jeweils fünf anbieten müssen, wird deutlich, vor welchen Herausforderungen wir stehen.

Das heißt es muss mehr Lehrer für Kursstufe 1 geben.
Kiefer: Ich rechne zum nächsten Schuljahr mit bis zu zehn neuen Kollegen, und weil weniger in Ruhestand gehen, werden wir personell gut aufgestellt sein. Übrigens sind dann 50 Prozent unseres Kollegiums nach mir, also nach 2006, ans Heisenberg-Gymnasium gekommen. Die jungen Lehrer sind auch schon in Methodik und Didaktik auf G8 geschult.

Verursacht der Doppeljahrgang in Kursstufe 1 zusätzliche Kosten?
Kiefer: Wir haben für den Unterricht in Kursstufe 1 je 100 Lehrbücher für ein Fach. Wir müssen als 130 nachkaufen. Das wird pro Schüler um die 300 Euro kosten.

Wird Ihnen beim Blick auf den Abiturjahrgang 2012 nicht etwas schwindlig?
Kiefer: Bis dahin haben wir ja noch ein bisschen Zeit. Aber 230 Abiturienten zu prüfen, wird kein Pappenstiel. Schließlich muss das dreistufige Korrekturverfahren garantiert werden, und wo feiert man den Abi-Ball mit einer solchen Menge Absolventen?

Am Heisenberg-Gymnasium gibt es G8 jetzt sechs Jahre. Wünschen Sie sich manchmal, die Verkürzung des gymnasialen Ausbildungsweges wäre nie eingeführt worden?
Kiefer: Man kann über G8 natürlich lange diskutieren. Aber das bringt keinem Beteiligten etwas. Man muss sich mit ihm abfinden und die Schlüsse daraus ziehen. Wir haben da viel reflektiert.

Und was kam dabei heraus?
Kiefer: Zum Beispiel dass wir den Kontingent-Studenplan in den Fremdsprachen Englisch und Französisch von 19 Englisch- und 21 Französisch-Stunden pro Monat auf jeweils 20 umgestellt haben. Als wir merkten, dass die Schüler immer noch zu sehr durch den Stoff hetzen mussten, haben wir noch die zur Verfügung stehenden Pool- Stunden in die Sprachen gesteckt. Jetzt sind wir bei jeweils 21 Wochenstunden.

G8 hat die Anforderungen und das Tempo erhöht. Bleiben mehr auf der Strecke?
Kiefer: Das hat mich auch interessiert. Aber unsere Statistik sagt eindeutig: Nein. Die Zahl der nicht versetzten Schüler ist auch nach der Einführung von G8 bei rund 2 Prozent geblieben.

Wurden noch mehr Lehren gezogen?
Kiefer: Mit G8 hat sich der Nachmittagsunterricht erhöht. Deshalb werden wir die Verdichtung von Fächern am Vormittag durch die Einführung von Doppelstunden auflockern. Das hat mehrere Vorteile: Die Lehrer können mehr mit Methodenwechsel arbeiten, was ermüdenden Frontalunterricht vermeidet. Außerdem wird es in der Schule insgesamt ruhiger, wenn nicht nach jedem Pausengong Wanderungen durchs Haus einsetzen. Und im kommenden Schuljahr planen wir noch eine Umstellung. Zusätzlich zu den zwei Mal zwanzig Minuten Pause am Vormittag soll es eine richtige Mittagspause von 35 Minuten geben. Das braucht der Schüler, um Energie zu tanken.

Mehr Energie wurde durch G8 ja insgesamt von den Schülern gefordert.
Kiefer: Das ist richtig. Ich finde es generell bedauerlich, dass Lehrstoff und Methodik derart in den Vordergrund gerückt wurden. Persönlichkeitsbildung braucht meiner Meinung nach auch immer wieder Durchschnaufpausen. Diese Entwicklung würde ich den Schülern manchmal gönnen. Aber wir können das Rad nicht zurückdrehen.

Also muss manchmal auch zu Hause bis in den Abend gelernt werden, und die Eltern sind auch gefordert.
Kiefer: Wir schauen immer ganz genau hin, ob Präsentationen auch die Handschrift der Eltern tragen. Manche Schüler schaffen es alleine, aber ich halte es für legitim, wenn Eltern bei der Themenrecherche oder bei technischen Fragen der Präsentationsgestaltung Tipps geben.

Gibt es dann nicht zwei Paar Schüler?
Kiefer: Familien, die ihre Kinder aufs Gymnasium schicken, sind immer mehr darauf angewiesen, den Alltag entsprechend zu organisieren. Allerdings müssen Familien, die diese Möglichkeit nicht haben, auf Dauer unterstützt werden. Diese Frage muss gesellschaftlich geklärt werden.