Swingender Bach, schwingende Flöten

Weinheimer Nachrichten vom 04.03.2010

WEINHEIM. Für einige große Jazz-Musiker ist Johann Sebastian Bach ein kompositorisches Vorbild. Wer noch nicht wusste, wie viel Swing kontrapunktisch aufgebaute Stücke des barocken Orgel- und Klaviervirtuosen enthalten, der ist nach den beiden Jahreskonzerten des Werner-Heisenberg-Gymnasiums um eine Erfahrung reicher. Die nahtlose Überleitung des von Wilfried Althammer geleiteten Streichorchesters von „Contrapunctus l" aus der Bach'schen Kunst der Fuge zur Jazz-Improvisation „Contrapunctus 4", bei der Uli Kammerer am Saxophon expressive Glanzlichter setzte, wurde zu recht mit tosendem Beifall bedacht.
Chöre, Orchester und Ensembles der Musik-Arbeitsgemeinschaften agierten in der Stadthalle niveauvoll und engagiert. Unterstützt vom Förderverein GYM und der Volksbank hatten sie bei ihrer Musikfreizeit in Weikersheim ein Programm einstudiert, das trotz traditioneller Besetzungen auch überraschende Arrangements und choreographische Schmankerl zu bieten hatte.

Spatzen im Haselstrauch
Peppig ließ der Nachwuchs-Chor unter Juliane Oberst drei Spatzen im leeren Haselstrauch vor den Augen der Zuhörer erscheinen und Enten auf Schlittschuhen laufen. Ein dazu gezupfter Bass, Flötenklang oder eine mit leichter Hand gezauberte Klavierbegleitung von Silke Winkler gaben den üblicherweise in reinem A-cappella- gestalteten Liedern mehr Charme.
Vor große Aufgaben sah sich der Chor der älteren Schüler gestellt, als er sich mit zwei Passagen aus Felix Mendelssohn Bartholdys „Elias" über das schimmernde Folk-Stück „For Good" zu „One Short Day" aus dem Musical „Wicked" sang. Die Zwiesprache zwischen Alt, Sopran und Bass sorgte dabei immer wieder für zauberhafte Farbtöne.
Das Blockflötenensemble unter Leitung von Edeltraud Körber hatte in den vergangenen Jahren meist die Aufgabe der Konzert-Eröffnung übernommen. Diesmal zwischen Chor und Streichorchester gebettet, überzeugten die Schülerinnen und Schüler durch synchrones Spiel. Dass bei „La Fiorentina" von Ludo-vico Viadana gezupfte Kontrabässe dem Vortrag zu weiterer Tiefe verhalf und die Flöten in „Galliarda" von William Brade wellenartige Schwingungen durch den Raum ziehen ließen, sorgte für Hörgenuss.
Klassiker der Musikliteratur für Orchester des Heisenberg-Gymnasiums umzuarrangieren ist eine Spezialität von Martin Lehr. So war vor der Pause der „Blumenwalzer" aus Tschaikowskys Ballett „Der Nussknacker" und zu Beginn der zweiten Programmhälfte die „Suite de la Jeunesse" von Robert Schumann in ungewohnter Orchestrierung zu hören. Wenn auch der Walzer etwas mehr Tempo vertragen hätte und im unweigerlich härteren Klangcharakter der Blechbläser Schumanns romantische Intention etwas verloren ging, ist die Gesamtleistung des großen Ensembles dennoch zu loben.

Gesangsduo
Dass Uli Kammerer nicht nur selbst ein großartiger Saxophon-Solist ist, sondern auch als Leiter der Little-Big-Band und der großen, mit rund 30 Schülern besetzten Jazz-Band, erfolgreich arbeitet, stellten die beiden Formationen im zweiten Programmteil unter Beweis. In diesen Ensembles wird seit Jahren auf hohem Niveau gejazzt. In der Little-Big-Band werden einige Schüler ihre ersten bejubelten Solo-Auftritte nicht vergessen. Der kompakten, groovigen Vorstellung der großen Formation gaben schließlich bei „Lady Marmelade" die beiden Sängerinnen Katalin König und Patricia Kain noch ein Sahnehäubchen obendrauf. Mutig, aber erfolgreich verlieh Kammerer kurzerhand dem musikalischen Liebesgeflüster noch eine männliche Note. Der weibliche Aufschrei im Publikum bewies, dass seine Gesangsimprovisation angekommen war.
Wer noch mehr von den Jazz-Formationen hören möchte, sollte sich den 18. und 19. Mai vormerken. Dann geben beide zwei Konzerte in der Aula des Heisenberg-Gymnasiums.
dra